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KW 3Die Woche, in der wir uns fragten, wie netzpolitisch Lützerath ist

Die 3. Kalenderwoche geht zu Ende. Wir haben 17 neue Texte mit insgesamt 231.734 Zeichen veröffentlicht. Willkommen zum netzpolitischen Wochenrückblick.

  • Markus Reuter

Liebe Leser:innen,

in unserer Redaktionskonferenz stellen wir uns oft die Frage: Ist das überhaupt ein Thema für netzpolitik.org? Ist es Netzpolitik, wenn in Lützerath die Polizei mit Härte und Gewalt gegen Demonstrant:innen vorgeht? Ist es Netzpolitik, wenn die Pressefreiheit in einem anderen Land eingeschränkt wird? Oder das Versammlungsrecht? Sind militärische Drohnen netzpolitisch? Ist es Netzpolitik, wenn Aktionskünstler:innen überwacht werden? Oder wenn das Informieren über Abtreibungen bestraft wird? Die Meinungen darüber gehen auseinander  – in der Redaktion und in der Leser:innenschaft.

In der Praxis hat sich in den vergangenen Jahren herausgebildet, dass wir trotz unseres Namens, der das grundsätzliche Thema sehr klar vorgibt, gerne auch mal das Feld weiter aufmachen. Dass wir öfter bewusst ausdehnen, was Netzpolitik ist. Einer der reichweitenstärksten Artikel auf netzpolitik.org befasste sich mit dem bayerischen Polizeigesetz. Und dann sind wir einfach am Thema drangeblieben, haben alle folgenden Polizeigesetze beleuchtet. Wurden Expert:innen darin und bleiben auch heute am Ball. Plötzlich bilden sich redaktionelle Traditionen heraus und wir berichten weiter – weil wir doch „immer schon“ über Polizeigesetze berichtet haben.

Manchmal sieht man sehr schön, dass Berichterstattung etwas auslöst, wie beim Versammlungsgesetz in NRW. Da gab es nur sehr wenige Medien, die berichteten und wir haben mit unseren Artikeln – die keine klassische Netzpolitik behandelten – den Debattenraum erweitert. Kann man sich als Medium für digitale Grund- und Freiheitsrechte wirklich nur auf das Digitale beschränken oder sollte man die Reichweite nicht auch nutzen, um Grund- und Menschenrechte generell auf die Agenda zu heben? Ist es nicht vielleicht sogar unsere Pflicht als reichweitenstarkes Bürgerrechtsmedium? Oder vernachlässigen wir dann das digitale Kernthema?

Wir haben dafür keine klare Regel in der Redaktion. Im Zweifel versuchen wir bei all unseren Geschichten die netzpolitischen Aspekte hervorzuheben. Wenn alle über Lützerath schreiben, dann finden wir einen Weg, über das „Netzpolitische“ von Lützerath zu berichten. Wie im Interview mit Caja Thimm, in dem es um die Nutzung der sozialen Medien bei den Protesten geht. Vielleicht ist heute – wo unser Leben ohnehin ganz selbstverständlich ständig online stattfindet – eine Trennung in Netz und Nicht-Netz wenig sinnvoll.

Für uns ist klar: Grund- und Freiheitsrechte in der Digitalpolitik sind der Kern unserer Berichterstattung. Und an Themen wie der Chatkontrolle oder an Staatstrojanern bleiben wir so nah dran wie kein anderes Medium. Aber es gibt Grauzonen und spannende Geschichten, die Redakteur:innen bei uns bewegen. Und Menschenrechte lassen sich nicht aufs Digitale beschränken – heute noch viel weniger als noch vor ein paar Jahren. So werden wir in der morgendlichen Redaktionskonferenz immer wieder die Frage stellen: Ist das Netzpolitik? Wie würdet ihr als Leser:innen diese Frage beantworten?

Genießt das Wochenende.

Herzliche Grüße

Markus Reuter


 

Unsere Artikel der Woche

Neues aus dem Fernsehrat (94)Liebe auf den zweiten Blick

Zehn Jahre nach ersten Pilotprojekten bewegte sich nichts mehr bei ARD und ZDF in Sachen Creative Commons. Noch einmal fünf Jahre später sind freie Lizenzen bei Tagesschau und Terra X angekommen, um zu bleiben. Diese Wende birgt etliche Lehren – auch mit Blick auf aktuelle Bemühungen, die öffentlich-rechtlichen Medien ins Fediverse zu bringen.

Kann Hetenfeindlichkeit enthaltenEs ist keine Verunglimpfung, wenn es wahr ist

Auf einen Nachruf von queer.de zum Tod von Benedikt XVI. folgte eine Anzeige wegen „Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener“. Unser Autor findet: „Über die Toten nur Gutes“ gilt dann nicht, wenn es nicht nur Gutes zu sagen gibt.

Interview mit Caja Thimm„Die Welt schaut auf Lützerath“

Polizist:innen gehen in Lützerath gegen Demonstrierende vor, sie stecken im Schlamm fest und räumen Baumhäuser. Dank der sozialen Medien sind wir bei alledem mittendrin. Welche Rolle spielen Twitter, Instagram und Co. in diesem Konflikt?

Kampf gegen "schädliche Inhalte"Wikipedia warnt vor britischer Online Safety Bill

Die ohnehin schon drastische Online Safety Bill könnte weiter verschärft werden. Künftig sollen Mitarbeitende von Online-Diensten für Verstöße persönlich haften, fordern britische Parlamentsabgeordnete. Die Wikipedia warnt nun, dass das Gesetz die gemeinnützige Enzyklopädie in Schwierigkeiten bringen würde.

LinkhaftungScharfe Kritik an Razzia bei Freiburger Radiosender

Die Polizei hat heute den Freiburger Sender „Radio Dreyeckland“ wegen des Setzens eines Links auf das Archiv von linksunten.indymedia.org durchsucht. Bürgerrechts- und Journalist:innenverbände kritisieren die Maßnahme als „tiefgreifenden Eingriff in die Presse- und Rundfunkfreiheit“.

AI ActSPD-Fraktion grätscht in die Regierungsposition bei EU-Verhandlungen

Die Bundesregierung hat Ende Dezember dem Entwurf zum geplanten AI Act zugestimmt. Doch einig ist man sich in der Ampel-Koalition offenbar nicht. Jetzt macht die SPD-Fraktion mit einem Positionspapier das Thema wieder auf – und will beim Einsatz von KI in den Bereichen Arbeit und Migration den Kurs korrigieren.

Saudi-ArabienIntellektuellem droht die Todesstrafe

Die saudische Staatsanwaltschaft fordert die Todesstrafe für Awad al-Qarni. Sie wirft dem ehemaligen Professor laut Medienberichten unter anderem vor, Kritik am Regime per Twitter geäußert zu haben.

PEGA-UntersuchungsausschussStaatstrojaner gefährden demokratische Prozesse

Staatstrojaner bedrohen Grundrechte und Grundprinzipien des EU-Rechts. Das sagte der Autor einer entsprechenden Studie im Staatstrojaner-Untersuchungsausschuss. Der Vorsitzende der Geheimdienst-Kontrolle in Frankreich hingegen blieb vage. Wir veröffentlichen ein inoffizielles Wortprotokoll.

Cybercrime ConventionNGOs finden UN-Pläne „extrem beunruhigend“

Mit einer „Cybercrime Convention“ wollen die Vereinten Nationen eine netzpolitische Grundlage für den Planeten legen. Menschenrechtler*innen sehen in dem Vorhaben „gruselige Ideen“. Sie warnen unter anderem vor Vorratsdatenspeicherung und staatlichem Hacking.

Cookie-BannerDer neue Pur-ismus

Viele Websites bieten mittlerweile Pur-Abos an, die trackingfreies Surfen gegen einen Monatsbeitrag versprechen. Manche sehen darin einen Ausweg aus Datenschutzproblemen, für andere ist der teure Rückkauf von Freiheit keine echte Alternative.

Oversight Board watscht Meta abInstagram und Facebook sollen Nippel-Verbot aufweichen

Das Nippel-Verbot auf Facebook und Instagram basiert auf einem binären Verständnis von Geschlecht und ist in der Praxis unbrauchbar. Zu diesem Urteil kommt ein Aufsichtsgremium, das der Mutterkonzern Meta selbst eingerichtet hat. Jetzt soll Meta die Regeln ändern.

SammelklageStreit um Bild-Generatoren soll vor Gericht landen

Die Debatte um KI-generierte Bilder nimmt Fahrt auf. Betroffene klagen In den USA und Großbritannien gegen das Start-up hinter Stable Diffusion. Bei den juristischen Manövern geht es auch um die Frage, was ein Werk eigentlich „neu“ macht. Eine Analyse.

AsylbehördeWie das BAMF mit Polizei und Geheimdiensten zusammenarbeitet

Zu den Aufgaben des BAMF gehört es, über Asylanträge zu entscheiden. Gleichzeitig arbeitet die Behörde eng mit Polizeien und Geheimdiensten zusammen und begreift sich als Teil der deutschen „Sicherheitsarchitektur“. Diese Rolle hat sich in den vergangenen Jahren „fortentwickelt und ausgeweitet“, schreibt die Bundesregierung.

ChatkontrolleSPD im Bundestag lehnt Client-Side-Scanning explizit ab

Im Bundestag haben die Fraktionen der Ampel-Koalition gestern Abend erwartungsgemäß einen Antrag der Linkspartei zu den umstrittenen EU-Plänen abgewiesen. In der Plenardebatte sprachen sich aber Innenpolitiker:innen der SPD-Fraktion explizit gegen Chatkontrolle und Client-Side-Scanning aus.

Twitter-RichtlinieDu sollst keine anderen Apps neben mir haben

Twitter stößt die Anbieter alternativer Clients vor den Kopf; sie sind laut offiziellen Twitter-Regeln nicht mehr willkommen. Langjährige Wegbegleiter betrachten das Unternehmen von Elon Musk nicht mehr als „vertrauenswürdig“ und wenden sich ab.

Globaler SüdenPrekäre Klickarbeit hinter den Kulissen von ChatGPT

Arbeiter:innen in Kenia sollten teils traumatisierende Texte lesen, um ChatGPT zu optimieren. Ihr Stundenlohn: bis zu zwei US-Dollar. Eine Recherche des Time Magazines zeigt: Hinter dem Hype um die Künstliche Intelligenz steckt auch eine Geschichte von Ausbeutung im globalen Süden.

PEGA-UntersuchungsausschussStudie fordert Moratorium für Staatstrojaner

Die EU sollte Einsatz und Handel von Staatstrojanern mindestens temporär verbieten. Das ist das Fazit der dritten Studie, die der Pega-Ausschuss im Europäischen Parlament in Auftrag gegeben hat. Die Autoren fordern eine strengere Regulierung, aber dazu braucht es den politischen Willen der Mitgliedstaaten.

Über die Autor:innen

  • Markus Reuter

    Markus Reuter recherchiert und schreibt zu Digitalpolitik, Desinformation, Zensur und Moderation sowie Überwachungstechnologien. Darüber hinaus beschäftigt er sich mit der Polizei, Grund- und Bürgerrechten sowie Protesten und sozialen Bewegungen. Für eine Recherchereihe zur Polizei auf Twitter erhielt er 2018 den Preis des Bayerischen Journalistenverbandes, für eine TikTok-Recherche 2020 den Journalismuspreis Informatik. Bei netzpolitik.org seit März 2016 als Redakteur dabei. Er ist erreichbar unter markus.reuter | ett | netzpolitik.org, sowie auf Mastodon und Bluesky.

    Kontakt: E-Mail (OpenPGP)


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8 Kommentare zu „Die Woche, in der wir uns fragten, wie netzpolitisch Lützerath ist“


  1. Anonym

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    Das Problem beim „sich informieren können“ ist allerdings, dass es auch „Boilerplate“ ist, und auch dafür wiederum Wissen und Können z.T. fehlt. Da muss etwas besseres hin als bisherige „Factchecker“-Ansätze.


  2. Anonymous

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    Bei Techdirt kommt ab und zu ein Kommentar, dass der Artikel doch gar nichts mit Tech zu tun hätte (zB bei Polizeigewalt). Die Erwiderung ist dann, dass der Name den Redakteuren nicht diktiert, auf welche Themen sie sich einlassen. Meine Meinung ist, dass auch ihr euch nicht einengen lassen solltet. Und vielleicht nach Wegen suchen solltet, einen weniger gerichteten Eindruck zu erwecken, zB mit einer kleinen Namensänderung („Netz & Politik“) oder einer Schwesterpublikation.


  3. Tom+(Abonnent)

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    Ich finde es gut, dass ihr „gerne auch mal das Feld weiter aufmach(t)“!


  4. Irene Latz

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    „Ist das Netzpolitik?“
    Wenn jemand anderes mich gefragt hätte, wäre meine Antwort gewesen: wenn netzpolitik.org darüber schreibt, dann ist es das. Nun fragt aber Ihr.
    „Netz“: digitalisierte Daten, die gewollt oder ungewollt übertragen werden in der zugehörigen Infrastruktur;
    „Politik“: was „in unserem Namen“ Gutes&Böses gesagt&getan wird von den 4 Gewalten ( Regierungen als Exekutive, Parlamente als Legislative, Richter in Luxembourg & DE als Judikative, und Reporter-ohne-Grenzen als kostbarste grandioseste Repräsentanz und die Schar unserer Medien als „4.Gewalt“);
    => Netzpolitik ist also dig. Infrastruktureinrichtung, Erhebung /Manipulation und Lenkung von digitalisierten Daten durch Ermächtigte, die dies zielgerichtet tun.

    Meiner Ansicht nach seid Ihr Meister im Beobachten und Melden der netzpolitischen Ereignisse, von denen wir im Sinne einer optimal gedachten Demokratie wissen sollten:
    macht bitte weiter so wie bisher !
    Mir kommt es mehr auf Euren Mut, das verständlich-Machen, das hartnäckiges D’ranbleiben an wichtigen Themen, die faire Berichterstattung an, als darauf, ob der eine oder andere Artikel vielleicht mal nicht im strengen Sinn Netzpolitik betraf.


  5. Dr. Andreas Koch

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    Ich finde wichtig, dass ihr den Kern „Netz“ nicht aus den Augen verliert. Und der kann leider leicht abhandenkommen, wenn die Berichterstattung immer mehr allgemeinpolitische Themen aufgreift (bei allem Verständnis für das Grundanliegen).

    Ich lese und unterstütze euch auch und gerade deshalb, weil ihr die Netzthemen aufgreift, die meist so unterschwellig daherkommen und deren Tragweite von vielen erst verstanden wird, wenn es „zu spät“ ist, wenn die Gesetze verabschiedet sind, wenn anlasslose Massenüberwachung Alltag ist (und dazu gehören auch Polizeigesetze).

    Deshalb bleibt bitte den digitalem Kernthemen treu. Die Grenzen sind natürlich fließend und die analoge und digitale Welt beeinflussen sich gegenseitig. Aber wie Markus so treffend schrieb: „…versuchen wir bei all unseren Geschichten die netzpolitischen Aspekte hervorzuheben.“

    In diesem Sinne vielen Dank für eure Klarheit und Offenheit!


  6. Gerhard Jordan

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    Ich habe mich jetzt das erste Mal in meinem Leben gefragt: „Was ist denn Netzpolitik?“
    Die Landeszentrale für Politische Bildung Ba-Wü schreibt hierzu:
    „Netzpolitik ist die Politik über, mit und durch das Netz.“
    (Quelle: https://www.lpb-bw.de/netzpolitik-dossier/)

    Mit dieser Definition ist doch Alles klar: Lützerath IST Netzpolitik, denn Lützerath ist auch ein aktuelles Beispiel, wie Politik (von unten) mit und durch das Netz gestaltet werden kann und wird.

    Bitte, bleibt bei Eurem digitalen Schwerpunkt und schaut weiterhin über den Tellerrand hinaus! Danke dafür.


    1. Anonym

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      „Lützerath IST Netzpolitik“
      Hinzu kommt die Frage ob Informationen durch Presse zu langsam im Umlauf war (was zu klären wäre), oder letztlich unvollständig blieb, u.a. weil die Presse von der Polizei behindert wurde, so dass erst mal der „Social Media Moment“ wieder greift, dass verlässliche Informationen, ähnlich wie im Iran, wenn auch mit aller Vorsicht, fast nur in den Social Media zu bekommen waren. Das nur als kleinen Seitenhieb auf den Iran.


  7. Spam (2): Wie netzpolitisch sind Panzer?

    ,

    https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/muetzenich-ukraine-krieg-101.html

    Also die Überschrift etwa wie was denn wohl die Panzerdiskussion mit der Koalition mache.

    Kann man fragen, was aber keiner gefragt hat, wie groß denn diesmal wohl der Nebelanteil ist. So wie ich es sehe, ist nahezu 200% Nebel vorhanden, nur deswegen…

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